Herbstmüdigkeit: Eisen, Schilddrüse, Vitamin D oder einfach nur Jahreszeitenwechsel?

Es ist Anfang September, draußen scheint die Sonne, und eigentlich gibt es keinen vernünftigen Grund, warum Frau Müller morgens im Bad steht und aussieht, als hätte sie die Nacht in einem Regionalzug verbracht. Sie hat geschlafen. Sogar ausreichend. Trotzdem starrt sie ihre Zahnbürste einen Moment länger an als nötig und überlegt, ob Zähneputzen heute zwingend vor dem ersten Kaffee stattfinden muss.

Später in der Praxis geht es weiter. Die erste Patientin erzählt, dass sie seit Tagen „so schrecklich müde“ ist, die nächste auch, und so geht es weiter bis Mittag. Gegen Mittag ist Frau Müller kurz versucht, einen kollektiven Ferritinwert abzunehmen, bei den Patientinnen und bei sich selbst gleich mit. September eben. Oder vielleicht auch nicht.

Denn tatsächlich verändert sich mit dem Herbst einiges. Die Tage werden kürzer, morgens bleibt es länger dunkel und wir bekommen häufig weniger Tageslicht ab. Das kann sich auf unseren Schlaf-Wach-Rhythmus auswirken und dazu führen, dass wir morgens schwerer in Gang kommen oder abends früher müde werden. Trotzdem ist „Herbstmüdigkeit“ eine recht bequeme Erklärung. Müdigkeit gehört zu den Beschwerden, bei denen viele völlig unterschiedliche Ursachen am Ende ziemlich ähnlich aussehen können.

Eisenmangel kann lange unauffällig bleiben

Ein Eisenmangel kündigt sich nicht unbedingt mit Pauken und Trompeten an. Manchmal wird man einfach zunehmend schlapp, braucht länger, bis man morgens in Gang kommt, friert schneller oder merkt, dass die gewohnte Belastbarkeit fehlt.

Besonders relevant ist Eisen bei stärkeren Monatsblutungen, nach Blutverlusten, bei sehr eisenarmer Ernährung oder bei Erkrankungen, die die Aufnahme im Darm beeinträchtigen können.

Das Tückische daran ist, dass ein normales Blutbild einen beginnenden Eisenmangel nicht immer sofort zeigt. Die körpereigenen Eisenvorräte können bereits zur Neige gehen, bevor eine richtige Blutarmut entsteht. Deshalb kann es sinnvoll sein, bei entsprechendem Verdacht gezielt nach diesen Eisenspeichern zu schauen.

Bei der Ernährung lässt sich immerhin ein wenig mitarbeiten. Eisen steckt sowohl in tierischen als auch in pflanzlichen Lebensmitteln. In einer Mischkost können Fleisch und andere tierische Lebensmittel zur Versorgung beitragen, pflanzliche Quellen sind zum Beispiel Hülsenfrüchte, Haferflocken, Kürbiskerne, Sesam und grünes Gemüse. Wer überwiegend oder vollständig pflanzlich isst, kann besonders darauf achten, eisenreiche Lebensmittel mit Vitamin-C-reichen Lebensmitteln zu kombinieren, etwa mit Paprika, Beeren, Kiwi oder anderem Obst und Gemüse. Kaffee sowie schwarzer und grüner Tee können die Eisenaufnahme bremsen und müssen deshalb nicht unbedingt direkt zur eisenreichen Mahlzeit getrunken werden.

Eisen vorsorglich einzunehmen, weil September ist, halte ich trotzdem für wenig sinnvoll. Wenn tatsächlich ein Mangel besteht, sollte außerdem geklärt werden, woher er kommt. Eine eisenreiche Ernährung kann die Versorgung unterstützen; wie weit das ausreicht, hängt davon ab, wie ausgeprägt der Mangel ist und wodurch er entstanden ist.

Die Schilddrüse gehört ebenfalls auf die Liste

Die Schilddrüse ist bei Müdigkeit schnell mit im Gespräch, und das nicht ganz zu Unrecht. Wenn sie zu langsam arbeitet, kann sich das an ganz unterschiedlichen Stellen bemerkbar machen: Man friert schneller, fühlt sich müde und antriebslos, nimmt leichter zu, die Verdauung wird träger oder die Konzentration lässt nach.

Wer bereits eine Schilddrüsenerkrankung hat, sollte bei neu auftretender oder ungewöhnlich starker Müdigkeit genauer hinschauen. Auch Veränderungen beim Gewicht oder andere neue Beschwerden können eine Rolle spielen.

Die Schilddrüse lässt sich nicht durch ein bestimmtes Lebensmittel zu mehr Leistung bringen. Für ihre normale Funktion braucht sie unter anderem Jod und Selen. Eine ausgewogene Ernährung kann zur Versorgung beitragen, sie ersetzt bei einer Schilddrüsenerkrankung aber weder die medizinische Abklärung noch eine notwendige Behandlung. Gerade bei Jod und Selen ist außerdem Zurückhaltung sinnvoll. Hoch dosierte Präparate sollte man nicht auf eigene Faust einnehmen. Zu viel Jod kann die Schilddrüsenfunktion stören, besonders bei bereits bestehenden Schilddrüsenerkrankungen, und auch eine dauerhaft zu hohe Selenzufuhr kann gesundheitliche Probleme verursachen. Wer eine Schilddrüsenerkrankung hat oder entsprechende Präparate ergänzen möchte, sollte das deshalb individuell abstimmen lassen.

Im Herbst lässt sich Müdigkeit nach Gefühl nicht immer eindeutig zuordnen. Wenn sie neu auftritt, deutlich zunimmt oder weitere Beschwerden dazukommen, gehört die Schilddrüse jedenfalls zu den möglichen Erklärungen, die man im Hinterkopf behalten kann. Gerade solche Zusammenhänge erschließen sich oft erst, wenn man nicht nur auf ein einzelnes Symptom schaut.

Vitamin D bekommt im Herbst traditionell seinen großen Auftritt

Sobald die ersten Blätter fallen, rückt Vitamin D bei vielen Menschen wieder stärker ins Bewusstsein. Das hat einen nachvollziehbaren Hintergrund, denn unser Körper bildet Vitamin D mithilfe von Sonnenlicht über die Haut. In den dunkleren Monaten funktioniert das in unseren Breitengraden deutlich schlechter.

Ein Vitamin-D-Mangel kann sich unter anderem auf Muskeln und Knochen auswirken. Müdigkeit allein ist dafür allerdings kein eindeutiges Zeichen. Deshalb muss nicht jeder, der im Oktober gähnt, automatisch seinen Vitamin-D-Wert bestimmen lassen. Wenn es Hinweise auf einen Mangel oder entsprechende Risikofaktoren gibt, kann eine Kontrolle aber sinnvoll sein.

Rausgehen lohnt sich trotzdem. Tageslicht hilft unserem Schlaf-Wach-Rhythmus, Bewegung bringt den Kreislauf in Gang und beides ist im Herbst meist hilfreicher als der Versuch, den ganzen Tag zwischen Heizung und Kaffeemaschine zu überwintern. Über die Ernährung liefern vor allem fettreiche Seefische Vitamin D, kleinere Mengen finden sich auch in Eigelb und einigen Pilzen. In den dunklen Monaten reicht die körpereigene Bildung bei uns allerdings nicht immer aus.

Manchmal ist die Ursache viel banaler

Der Herbst verändert nicht nur das Licht. Oft ändert sich gleichzeitig der gesamte Alltag. Der Urlaub ist vorbei, Termine häufen sich wieder, Kinder müssen morgens in die Kita oder in die Schule gebracht werden, die Arbeit läuft auf voller Drehzahl und draußen bewegt man sich meist weniger als im Sommer.

Hinzu kommen Nächte, die zwar lang genug aussehen, aber nicht unbedingt erholsam sind. Wer häufig aufwacht, schnarcht, schlecht atmet oder morgens bereits erschöpft aufsteht, kann acht Stunden im Bett verbracht haben und trotzdem zu wenig guten Schlaf bekommen haben.

Auch die Ernährung spielt hinein. Sehr wenig zu essen, Mahlzeiten ständig ausfallen zu lassen oder über längere Zeit zu wenig Eiweiß und wichtige Nährstoffe aufzunehmen, kann die Leistungsfähigkeit ebenfalls beeinträchtigen. Gerade Menschen, die abnehmen möchten, merken manchmal erst spät, dass aus „kalorienbewusst“ inzwischen eine Energieunterversorgung geworden ist.

Hier kann man tatsächlich einiges selbst beeinflussen. Morgens oder vormittags nach draußen zu gehen, unterstützt den Tag-Nacht-Rhythmus. Regelmäßige Bewegung bringt Kreislauf und Muskulatur in Schwung, ohne dass man deshalb im November plötzlich zum Leistungssportler werden muss. Ein zügiger Spaziergang, Radfahren, Schwimmen oder das Training, das man ohnehin gern macht, reicht völlig aus.

Auch Sauna kann angenehm sein, gerade wenn man im Herbst häufiger fröstelt. Dazu regelmäßige Mahlzeiten, genügend Eiweiß, Gemüse und Vollkornprodukte – und vielleicht nicht jeden Nachmittag der Versuch, Müdigkeit ausschließlich mit Kaffee und Gebäck zu behandeln. Frau Müller kennt diese wissenschaftlich nicht ganz überzeugende Methode selbstverständlich nur aus Erzählungen.

Ein bisschen Urlaubsalltag lässt sich ebenfalls retten, die Mittagspause wirklich als Pause nutzen, am Wochenende rausgehen, nicht jeden freien Abend verplanen und gelegentlich etwas tun, das keinem Zweck dient. Das klingt banal, fällt vielen Menschen aber erstaunlich schwer.

Wann man genauer hinschauen sollte

Ein paar müde Tage im September sind noch kein Grund, daraus gleich ein medizinisches Großprojekt zu machen. Wenn die Müdigkeit aber über Wochen anhält, stärker wird oder andere Beschwerden dazukommen, wird die Vorgeschichte interessanter. Starke Monatsblutungen können beispielsweise in eine andere Richtung weisen als Frieren, Gewichtszunahme und eine träge Verdauung. Wer nachts stark schnarcht und morgens völlig erschöpft aufwacht, bringt wiederum eine ganz andere Spur mit.

Genau diese Unterschiede machen Müdigkeit zu einem Symptom, bei dem ein genauer Blick oft mehr bringt als eine schnelle Standardantwort. Der Herbst darf durchaus ein bisschen müde machen, er bekommt dafür aber keinen Freifahrtschein. Wenn aus „Ich könnte heute früher ins Bett“ irgendwann „Ich komme kaum noch durch den Tag“ wird, sollte man die Müdigkeit nicht mehr automatisch der Jahreszeit zuschreiben.

Und wenn es tatsächlich nur der Jahreszeitenwechsel ist, darf man den Herbst auch einfach Herbst sein lassen: morgens eine Jacke mehr, mittags eine Runde durchs Laub, abends etwas Warmes zu essen und um halb neun mit gutem Gewissen aufs Sofa. Frau Müller wäre jedenfalls dabei.

Helga Müller

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