10. April 2026
Erschöpfung nach Feiertagen
Erschöpfung nach Feiertagen ist ein Klassiker in der Praxis. Die ersten Tage danach kommen Patientinnen, die eigentlich erholt sein müssten — und es nicht sind. Zu viel Programm, zu viele Erwartungen, zu wenig von dem, was der Körper eigentlich braucht. Ich kenne das. Aus der Praxis. Und aus eigener Erfahrung.
Dieses Jahr war es anders.
Normalerweise ist das so: Irgendwann zwischen dem dritten Einkauf und der Frage, ob der Kuchen auch wirklich reicht, ist aus den freien Tagen eine Veranstaltung geworden. Was bleibt, ist das leise, hartnäckige Gefühl, dass man es wieder nicht ganz hinbekommen hat. Nicht perfekt genug. Nicht entspannt genug. Nicht präsent genug — obwohl man körperlich nirgendwo anders war.
Dieses Jahr war es kleiner. Weniger Programm, weniger Aufwand, weniger von diesem stillen Druck, der sich gerne um Feiertage legt. Ein Baby war da — das Jüngste in der Runde, das herzlich wenig Interesse an Perfektion hatte und dafür umso mehr an warmen Armen. Und irgendwo in dieser kleinen, unspektakulären Runde ist mir aufgegangen: Genau das war es die ganze Zeit.
Der Körper weiß das übrigens sofort. Er entspannt sich anders, wenn der Druck fehlt. Kein Erwartungsrauschen, kein Funktionieren für die Kulisse. Das Systemprinzip Mensch reagiert auf Echtheit — schneller und zuverlässiger als auf jeden guten Vorsatz.
Mein Kirschbaum hat das dieses Jahr sowieso besser gemacht als alle anderen. Er hat einfach geblüht. Ohne Agenda. Rolf hat ihm abends eine Lichterkette verpasst — dreißig Meter, sorgfältig um jeden Ast gewickelt. Der Baum hat das kommentarlos akzeptiert.
Ich hab dabei gesessen. Nichts getan. Nichts geplant.
Das war tatsächlich schön.
Helga Müller